Vor allem die Postbotin weiß Bescheid! Die
Postboten sind eine unerläßliche Institution hier. Alle sind sie großartig! Um den
Service zu erreichen, den wir hier genießen, muß die Deutsche Post noch manche
Marktanalyse betreiben. Stellen Sie sich vor: der Postbote ruft an und sagt: "Die
nächste Post kommt erst morgen nachmittag, aber ich habe hier eine Karte für Sie, auf
der der Elektriker ankündigt, daß er heute kommt, um Ihre Leitungen zu überprüfen. Ich
wollte Sie das nur wissen lassen!" Oder: eine Postbotin zu einer älteren Dame, die
ein paar Tage verreist war: "Sie haben eine Karte von Ihrer Kusine Alice im
Briefkasten. Sie kommt Sie besuchen. Da ich wußte, daß Sie nicht da sind, habe ich schon
einmal ein Zimmer bei Mrs. MacDonald für sie reserviert. Ich hoffe, das ist Ihnen
recht?" (Mrs. MacDonald ist natürlich die örtliche Bed&Breakfast-Anbieterin.)
Das nur einmal zum Thema Postgeheimnis!
In der Tat gibt es nicht viele Dinge hier,
die geheim bleiben. "Nachrichten reisen schnell in der Gegend!", sagte einer der
Charaktere in diesem wundervollen Film Local Hero. Wie wahr! Und ich habe immer
noch keine Ahnung, wie es funktioniert! Eines schönen Sommertages arrangierten wir einen
Bootsausflug mit einem der hiesigen Fischer auf die Isle of Skye, um die Highland Games
in Portree zu besuchen. Alles ging gut so lange wir uns in den geschützten Gewässern der
Torridon-Bucht befanden, aber sobald wir aufs offene Meer hinauskamen, wurde es doch
ziemlich heftig. Schließlich steckte sich der Skipper eine dicke schwarze Zigarre an,
worauf die Mehrheit der Passagiere gelbgrün anlief, und wir beschlossen, den Ausflug
abzubrechen und zurückzukehren. Wir legten am Pier von Shieldaig an, taumelten auf
schwachen Beinen vom Boot ins Auto und fuhren zur sieben Meilen entfernten Bar, um den
scheußlichen Geschmack im Mund los zu werden. Als wir an der Bar ankamen und nicht
ein Auto hatte uns überholt wußten bereits alle, daß wir gescheitert
waren und seekrank hatten zurückkommen müssen und wir bekamen eine Menge freundlichen
Spott zu hören. Ich weiß einfach nicht, welche Kommunikationsmittel sie benutzen! Auf
der anderen Seite hat diese Art der Nachrichtenübermittlung auch ihr Gutes. Es ist
völlig unvorstellbar, daß hier jemandem etwas Schlimmes passiert, ohne daß die Nachbarn
davon erfahren und zu Hilfe eilen. Das ist sehr beruhigend zu wissen. Überhaupt sind
viele Dinge hier sehr einfach. Sie haben ein Problem? Erzählen Sie es dem ersten besten!
Es wird sich eine Lösung finden, keine Sorge!
Verstehen Sie mich nicht falsch! Das Leben
ist nicht leicht hier. Die Menschen müssen ziemlich hart darum kämpfen durchzukommen.
Aber sie würden nie auf die Idee kommen, es fehlte ihnen an irgend etwas. Es scheint so
natürlich, daß Statussymbole, die in unserer ach so zivilisierten Welt eine
enorme Rolle spielen, hier kaum eine Bedeutung zu haben scheinen. Irgendwie registriert
man nicht, ob die Leute, mit denen man es zu tun hat, finanziell gut gestellt sind oder
nicht. Niemand hier ist zum Beispiel besonders stolz auf den Erwerb eines neuen Wagens,
bedeutet es doch eher, daß man mit dem alten nicht sorgfältig genug umgegangen ist,
sonst hätte man ja keinen neuen gebraucht! Und dafür sollte man sich eher schämen! Ich
kenne jemanden, der immer wieder dasselbe Auto in derselben Farbe anschafft, damit es
nicht so auffällt, daß es schon wieder ein anderes ist.
Die Leute hier sind eigentlich alle
außerordentlich gastfreundlich und großzügig. Wer behauptet, die Schotten seien geizig?
Sie sind vielleicht ein bißchen eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, aber das ist
alles! Wo immer Sie hinkommen, man wird Sie Willkommen heißen, man wird sich dafür
interessieren, wer Sie sind und woher Sie kommen. Manchmal fühle ich mich ein bißchen
beschämt, wenn ich Leute nach längerer Zeit wiedertreffe, die sich noch ganz genau
erinnern, daß ich das letzte Mal große Sorgen um die Gesundheit meiner Eltern hatte, die
mich anteilnehmend ausfragen und mir gute Wünsche mit auf den Weg geben, obwohl sie meine
Eltern nie kennengelernt haben.