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Die Leute hier sind stolz und bewahren sich
ihre individuelle Freiheit. Sie leben mit dem Land und der See und dem Wechsel der
Jahreszeiten, der Tatsache, daß man den Nachbarn braucht, so wie er einen braucht, und
sie haben sehr ausgeprägte eigenen Wertmaßstäbe. Mein Mann mag ja Physikprofessor sein,
und ich mag auch ein Stück Karriere gemacht haben, das zählt in ihren Augen nicht viel.
Wir verstehen nichts von Schafen, also sind in Wirklichkeit wir die armen Teufel.

Diabeg Harbour
Der Grund dafür, daß die Menschen hier
nicht gerade in Reichtümern schwimmen, ist natürlich, daß es nur sehr wenige
Arbeitsplätze gibt. Einige finden auf Fischfarmen eine dauerhafte Anstellung. Es ist eine
harte und manchmal gefährliche Arbeit, da sie bei jedem Wetter und jedem Seegang hinaus
müssen. Es gibt ein paar Jobs in den wenigen Hotels der Gegend, meistens aber nur
während der Sommersaison. Der Gemeinderat ist ein möglicher Arbeitgeber, einige arbeiten
im Gesundheitsbereich, als Lehrer, als Verkäufer in den Dorfläden. Die meisten Leute
allerdings sind selbständig, das heißt, sie erledigen gegen Bezahlung alles, was
irgendwie anfällt. Dennoch ist die Haltung zur Arbeit oft nahezu südländisch. Wir haben
ungefähr neun Monate auf den Elektriker gewartet, der uns unsere Antenne aufs Dach setzen
sollte. Endlich hatten wir ihn so weit, daß er uns einen sicheren Termin für den
nächsten Tag zusagte. Wer kam am nächsten Tag nicht? Der Elektriker, natürlich! Was
sagte er als Begründung, als wir ihn abends anriefen? "Aber es war doch ein guter
Tag zum Fischen!" Und das war nicht als Entschuldigung gedacht. Das sollte eher
heißen: "Wer ist so blöd, an einem solchen Tag auf einen Handwerker zu
warten!".
Loch Torridon ist ein Bergwanderer- und
Bergsteigerparadies. Deshalb verdienen auch viele Frauen ihr Geld mit Bed&Breakfast. Es muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß die
Kirche (genannt: kirk) immer noch einen großen Einfluß hat und darauf achtet,
daß die Sonntagsruhe eingehalten wird (wobei sie den Sonntag Sabbath nennen). Es
gibt noch zahlreiche Familie hier, die diesen besonderen Tag um den Küchentisch
versammelt mit Bibellesen verbringen. Und so willkommen man an jedem anderen Tag der Woche
ist, am Sonntag sollte man sich unter keinen Umständen sehen lassen. Deshalb decken sie
auch am Samstag das Schild "Zimmer frei" zu und überlassen den Wochenendprofit
den Heiden! Man hat mir erzählt, daß sie auf der Insel Lewis am Samstag die Hähne
einsperren, damit die nicht zu ihrem Vergnügen kommen. Und unser Freund John sagt immer,
wenn die kirk könnte, würde sie das weiche Klopapier verbieten, weil, Spaß soll
es schließlich nicht machen!
Dennoch, trotz des religiösen Einflusses
und der relativen Abgeschiedenheit der Gegend, sind wir weit davon entfernt, hinter dem
Mond zu leben. Schließlich gibt es die Neuen Techniken! Und, was mich immer wieder
erstaunt, die Menschen hier sind von außerordentlicher Toleranz gegenüber ihren
Mitmenschen. Da hier jeder jeden braucht, kann es sich die Gemeinschaft einfach nicht
erlauben, jemanden endgültig auszuschließen. So überleben hier eine ganze Reihe
wirklich merkwürdiger Gestalten und absoluter Exzentriker. Und sie überleben nicht nur,
sie sind akzeptierter Bestandteil der Dorfgemeinschaft, obwohl sie einem manchmal das
Leben ganz schön schwer machen können. Aber man gewöhnt sich daran. Nur wenn ich wieder
in Deutschland bin oder aus der Ferne hier besucht werde, fällt mir auf, daß mein
Wertsystem mittlerweile ganz schön schottisch angepaßt ist. Ich kenne schon diesen
befremdeten Blick, wenn mir jemand sagt: "Diese Person gehört doch eigentlich
wirklich eingesperrt!" Nein, gehört sie nicht! Wir werden schon damit fertig! Obwohl
nicht nur einige unserer Bäume, sondern auch das dazugehörige Holz verschwunden ist. Wir
wissen natürlich genau, wer es getan hat. Und irgendwie ist man auch selbst schuld, man
hätte die Leute gar nicht erst herein lassen sollen.
Damit keine Mißverständnisse entstehen:
wir sind hier sehr glücklich. Man fühlt sich sehr sicher. Niemand schließt die Türen
ab, es sei denn, man ist für längere Zeit abwesend. Und auch dann läßt man den
Schlüssel im Schuppen, denn der Nachbar könnte ja etwas ausborgen wollen. Das größte
Verbrechen hier in der Gegend ist Trunkenheit am Steuer. Das ist fast unvermeidlich. Man
fährt einfach nicht die vielen Kilometer in die Bar, um dann gerade einmal ein Bier zu
trinken. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, außer dem Postbus, und der fährt nur
einmal am Tag und sonntags überhaupt nicht. Also geschieht es! Auch ich bekenne mich
schuldig!
Von nahezu einheimischen Barbesuchern wie
uns verlangt die Tradition, daß man seinen Freunden einen ausgibt. Und man hat in der Bar
eine überraschende Menge Freunde. Das Ritual geht so, daß man dem Menschen hinter
der Bar anzeigt, wen man alles einladen möchte, und dieser dann herumgeht und jeden
einzelnen nach seinem Wunsch fragt. Die Antwort hängt sehr stark von den finanziellen
Verhältnissen des edlen Spenders ab. Jeder kennt hier die Möglichkeiten des anderen und
man will ja keinen arm machen. Da diese Regeln auf alle zutreffen, kann es gut sein, daß
man nach der eigenen Runde keine weitere mehr bezahlt, da alle sich natürlich
revanchieren wollen. Am Ende des Abends ist man glücklich ein bißchen beschwipst und
stolz darauf, Teil der Bargemeinschaft zu sein.
Trinken die Schotten eigentlich ihren
eigenen Whisky? Aber sicher doch! Das Wasser des Lebens ist gut für alles: fester
Bestandteil jeder Feier, bis hin zur Medizin für nahezu alle Krankheiten (Versuchen Sie
mal einen Hot Toddy: Whisky mit heißem Wasser, einem Löffel Zucker und ein
bißchen Milch oder Sahne!) Hogmanay (das sehr spezielle Schottische Neujahrsfest)
ist ohne Whisky völlig undenkbar! Aber wie steht es mit den berühmten Single Malts? Nun,
ehrlich gesagt, es ist hier nicht anders wie zum Beispiel in Frankreich auf dem Land.
Fragen Sie einmal einen französischen Bauern, der niemals eine Mahlzeit ohne einen guten
Krug seines Weines zu sich nehmen würde, was er von den edlen alten Burgundern hält! Er
würde knottern, daß er sich das Zeug nie leisten könnte. So ist das hier auch. Edler
Malt ist etwas für Kenner, der Rest der Welt muß sich mit dem wee dram (
wee = klein, dram = Einheit für Whisky) begnügen.

Beinn Eighe vom Glen Torridon
Jetzt mitten im Winter hat das Land eine
ganz besondere eigenartige Faszination durch die verschiedenen winterlichen Farben: die
Brauntöne der Heide, das Grau der Felsen, das Immergrün der Farne und das Gelb des
vertrockneten Grases. Auf den Spitzen der Berge liegt Schnee, obwohl wir hier unten selten
Schnee oder Eis haben. Der Golfstrom hält uns erstaunlich warm. Man sieht eine Menge
Rotwild zu dieser Jahreszeit, vor allem nach Sonnenuntergang. Sie tauchen plötzlich im
Licht der Autoscheinwerfer auf, zwei, drei, zehn oder zwanzig, und verschwinden in der
Dunkelheit wie vorbei huschende Gespenster. In klaren Nächten kann man unendlich viele
Sterne entdecken, und der Mond erscheint riesig und viel näher als irgendwo sonst.
Aber wenn Sie das erste Mal nach Schottland
kommen wollen, kommen Sie besser im Sommer! An einem schönen sonnigen Tag, wenn das Gras
auf den Hügeln wie ein riesiger grüner Samtteppich wirkt und der wilde Rhododendron
blüht, gibt es keinen schöneren Platz auf der Welt. Naja, zumindest für mich gibt es
keinen. Was andere betrifft, so scheint es nur zwei mögliche Reaktionen zu geben:
entweder die Leute kommen mit dem Land nicht zurecht, es schüchtert sie ein und macht sie
depressiv. Dann verschwinden sie so schnell wie möglich wieder und vermeiden, jemals
zurückzukommen. Oder sie verfallen ihm mit ganzem Herzen. Dann sehnen sie sich danach
zurück, wo immer sie auch sein mögen. Und die Sehnsucht wird im Lauf der Zeit immer
stärker. Wenn Sie schon einmal hier waren, werden Sie wissen, wovon ich spreche. Sollten
Sie zum ersten Mal kommen, so wünsche ich Ihnen auf jeden Fall, daß Sie zu der zweiten
Gruppe gehören mögen. Unsere örtliche Bed & Breakfast-Wirtin
freut sich auf Ihren Besuch.
 
Renate Dietrich
(Die Autorin, ihrer Ausbildung nach
Betriebswirtin, hat nach Jahren der Tätigkeit im Bereich beruflicher Bildung,
insbesondere der Umschulung und Weiterbildung von Arbeitslosen, im Jahre 1996 ihre feste
Anstellung aufgegeben, um in Zukunft als freie Schriftstellerin jeweils die Hälfte jedes
Jahres in Schottland verbringen zu können.)
 
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