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Der Garten war und ist umstanden von
Bäumen, was hier in dieser Gegend sehr selten ist. Es fühlte sich an, als nähme er uns
in die Arme mit dem Versprechen uns zu behüten und zu beschützen und keine Unbill der
Welt an uns heranzulassen. Und die Aussicht ist so überwältigend, daß ich heute noch,
nach all den Jahren, Stunden und Stunden damit verbringen kann, dem Wechsel von Licht und
Schatten auf dem Meer und den umliegenden Bergen zuzuschauen. Zum Wasser hinunter sind es
ungefähr 300 Meter, das Grundstück liegt auf einer Anhöhe, von der aus man das
gegenüberliegende Südufer des Loch Torridons sieht. Der höchste Berg der Gegend, der
Liathach, steigt auf über 1.000 Meter auf. Gegen die regelmäßigen Nordweststürme sind
wir durch Hügel geschützt, die aus einem der ältesten Gesteine der Erde bestehen (2
Milliarden Jahre!).
Als wir da so in der Wildnis unseres
zukünftigen Gartens standen, wußten wir beide, ohne daß wir auch nur ein Wort
gewechselt hätten, das es uns auf einmal ganz ernst war (erinnert sei an die vertrackte
Sache mit der Mystik!), daß dies das Grundstück war, das wir unbedingt wollten, und wir
haben kein weiteres mehr besichtigt. Und dann lief alles wie am Schnürchen, so daß wir
gar nicht erst dazu kamen, kalte Füße wegen des großen Abenteuers zu bekommen, auf das
wir uns da eingelassen hatten. Durch die Vermittlung guter Freunde erhielten wir bereits
zwei Tage später eine erste Schätzung von einem Architekten, der später auch das Haus
für uns baute. Und wiederum zwei Tage später saßen wir bereits bei einem uns
empfohlenen Rechtsanwalt und hörten zu, wie dieser telefonisch ein erstes Angebot für
uns abgab. Dann dauerte es drei nervenzerreißende Monate, bis sich der Vorbesitzer
endlich dazu entschloß, an uns zu verkaufen, und noch vier Jahre, bis das neue Haus
fertig dastand.
Ich will Sie nicht mit den Feinheiten der
rechtlichen Abwicklung langweilen, obwohl wir es ganz spannend fanden, in ein uns völlig
fremdes System einzutauchen. Es scheint so zu sein, als ob sich englisches und
schottisches Recht zum Teil überlagern. Einmal gelten englische Regeln, und dann wieder
schottische, die oft in der Geschichte und den Traditionen z.B. des Clanssystems verhaftet
sind.
Vor vielen Jahren, auf einer meiner
schottischen Reisen, schnauzte mich einmal ein Fahrer, der mich mitgenommen hatte, an, ich
hätte besser ein Geschichtsbuch mitnehmen sollen, statt einer Straßenkarte. Ich fand das
damals sehr unfreundlich, habe aber in der Zwischenzeit gelernt, daß der Mann absolut
recht hatte. Ich gebe den Rat weiter - und ich tue das sehr viel freundlicher als er.
Alle, die Schottland kennen lernen und auch ein bißchen verstehen wollen, sollten sich
mit der Geschichte befassen und sich vor allem von den Schotten ihre Geschichte und
Geschichten erzählen lassen!.
Wir hatten es vor allem mit zwei rechtlichen
Hindernissen zu tun, das eine war das Crofting System, das andere die Existenz des National
Trust for Scotland. Crofter, so werden die Leute genannt, die Landwirtschaft im
traditionellen Sinn betreiben, und das heißt vor allem, Schafzucht. Die Crofter
einer Gegend bilden eine Crofting-Gemeinschaft, die bestimmte Rechte und Pflichten
miteinander teilen und in die jeder Crofter seine Croft, das heißt sein
Land einbringt. Als wir unser Grundstück kauften, mußte es erst decrofted werden,
das heißt, der Vorbesitzer mußte die Crofting-Gemeinschaft dafür entschädigen,
das unser Land ihrer gemeinsamen Verfügung entzogen wurde.
Das andere Problem, mit dem wir uns
beschäftigen mußten, war, daß wir den National Trust for Scotland als
Feudalherren über uns hatten, und so nicht ganz frei waren, in dem, was wir auf dem
Grundstück planten. Die Aufgabe des NTS ist es, soviel Landschaft und so viele wertvolle
Gebäude wie möglich für die Nachwelt zu erhalten. Diese Aufgabe wird dadurch
erleichtert, weil ein Weg, die unter Umständen erheblichen Erbschaftssteuern zu umgehen,
ist, den Besitz dem NTS zu übereignen, vor allem, wenn es sich um Ländereien, Burgen
oder Schlösser handelt. Die Familien behalten dadurch ein Nutzungsrecht, müssen sich
allerdings damit abfinden, daß ein Teil des Besitzes der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht wird. Das ist einer der Gründe, warum Schottland ein Paradies für Leute mit
ausgeprägten Puppenhausinstinkt ist (ich gehöre zweifellos zu dieser Sorte). Man muß
nur mal die Gegend rund um Aberdeen betrachten: 100 Schlösser und Burgen auf ebenso
vielen Quadratkilometern! Ein jedes mit einem Souvenirladen und einer Teestube!
Phantastisch!
Warum der National Trust allerdings glaubte,
schottisches Kulturerbe zu verteidigen, als er uns untersagte, ein Erkerfenster
einzubauen, wird mir immer ein Geheimnis bleiben. Die einzige Stelle, von der man aus das
Fenster hätte sehen können, ist von der anderen Seite der Bucht, ca. fünf Kilometer
entfernt! Und von da sieht man noch nicht einmal das Haus, weil es hinter Bäumen
verborgen ist. Aber so ist es nun einmal. In Schottland kommen die Fenster nicht heraus,
sie gehen hinein, hat man uns gesagt! Na gut.

Loch Torridon
Als wir uns für einen Hausnamen entscheiden
mußten denn natürlich gibt es hier keine Straßennamen oder Hausnummern
griffen wir zurück auf einen Namen, den wir auf einer alten Karte gefunden hatten, und
der genau unseren Platz zu bezeichnen schien. Wir dachten, es wäre gälisch!
Niemand kann den Namen richtig aussprechen und es ist eine rechte Plage, ihn bei
telefonischen Bestellungen jeder Art ständig buchstabieren zu müssen. Später stellte
sich noch dazu heraus, daß es überhaupt kein richtiges Gälisch war. Es war
einfach nur etwas, was ein englischer Kartograph im letzten Jahrhundert verstanden hatte,
als er die Einheimischen nach dem Namen fragte. Ich würde gerne wissen, was er da
verstanden hat, denn Gälisch ist eine sehr, sehr schwierige Sprache. Im Übrigen spricht
man gälisch nicht, man hat es oder man hat es nicht. Ich habe es
nicht! Aber nun ist der Hausname nun mal Baclenbea und es wird Baclenbea
bleiben, so lange uns das Haus gehört. Alle sind jetzt daran gewöhnt. Wir bekommen sogar
Werbesendungen und Steuerbescheide unter dieser Anschrift.
 
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